Für F. Dostojewskij - Die Fotografie von Christian Bade

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Norderfelder Portfolio
Jetzt friste ich die Tage in meinem Kellerloch, indem ich mich selbst mit dem böswilligen und zugleich sinnlosen Trost aufstachle, dass ein kluger Mensch ernsthaft überhaupt nie etwas werden kann und nur ein Dummkopf etwas wird. Ein charakterfester Mensch, ein Tatmensch - ist ein im Großen und Ganzen beschränktes Wesen.
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Ein Ausweg, der mich voll und ganz entschädigt, ist - in alles "Schöne und Erhabene" zu entfliehen, natürlich nur in meinen Träumen:
Ich triumphiere über alle; selbstverständlich liegen alle im Staube vor mir und sind gezwungen, freiwillig meine sämtlichen Vollkommenheiten anzuerkennen, ich aber vergebe ihnen allen. Ich verliebe mich als berühmter Dichter, bekomme unzählige Millionen und opfere sie sofort für das Wohl der Menschheit, zu gleicher Zeit aber beichte ich vor dem ganzen Volk alle meine Sünden, die selbstverständlich keine gewöhnlichen Sünden sind, sondern ungemein viel "Schönes und Erhabenes" in sich haben. Alle weinen und küssen mich (sie wären doch dumm, wenn sie das nicht täten), ich aber ziehe barfüßig und hungrig von dannen, um neue Ideen zu verkünden, und schlage die Reaktionäre bei Austerlitz. Darauf erklingt ein Marsch, eine Amnestie wird erlassen, der Papst erklärt sich bereit, von Rom nach Brasilien überzusiedeln; darauf ein Ball für ganz Italien in der Villa Borghese, die aber am Comer See liegt, sodass der Comer See einzig zu diesem Zweck nach Rom verlegt ist usw. usw. - das kennen Sie doch auch?

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821 - 1881)
aus: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
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